
Auch in diesem Jahr haben wir wieder Glasaale in Schleswig-Holstein besetzt. Insgesamt wurden 313,33 Kilogramm der jungen Aale auf geeignete Gewässer im Land verteilt. Bei einem Stückgewicht von rund einem Drittel Gramm entspricht das etwa 940.000 Fischen. Besetzt wurden unter anderem der Nord-Ostsee-Kanal mit angeschlossenen Seen, der Elbe-Lübeck-Kanal mit Nebengewässern, die Trave sowie die Elbe. Wie in den Vorjahren gilt: Für den Aalbesatz kommen nur Gewässer infrage, aus denen später auch eine Abwanderung der Blankaale ohne größere Hindernisse möglich ist.
Der Aal war früher eine typische und weit verbreitete Fischart in Schleswig-Holstein. Vielerorts kam er häufig, teils sogar in großen Mengen vor. Heute ist die Lage deutlich anders: Der Bestand des Europäischen Aals ist seit den 1980er-Jahren stark zurückgegangen. Das Glasaalaufkommen an den europäischen Küsten liegt im Nordsee-Bereich aktuell nur noch bei gut einem Prozent des Referenzniveaus von 1960 bis 1979. Für das übrige Europa ergab eine Bestandshochrechnung 2024 rund 7 Prozent des früheren Bestandes. Das Gelbaalaufkommen lag 2023 bei 11,4 Prozent des Referenzwertes. Der Bestand befindet sich also weiterhin auf sehr niedrigem Niveau – eine weitere Abnahme lässt sich aktuell aber nicht feststellen. Die genauen Ursachen der Bestandskrise sind weiterhin nicht bekannt. In Frage kommen Lebensraumverlust, Turbinenmortalität, Schadstoffe, Krankheiten, Parasiten, Prädation und großräumige Veränderungen im Meer aufgrund des Klimawandels. (Clavero & Hermoso, 2015). Gerade wenn letzteres zutreffen sollte, sind die Möglichkeiten, kurz- oder mittelfristig Maßnahmen zur Ursachenbekämpfung durchzuführen, gering.
Kaum Aal ohne Besatz
Gerade deshalb bleibt der Besatz in Schleswig-Holstein wichtig. Unsere Erfahrungen und begleitende Untersuchungen zeigen seit Jahren, dass der Aalbesatz in unseren Gewässern Wirkung zeigt. Dort, wo wir besetzen, steigen die Bestände, und in vielen Systemen beruht ein großer Teil des heutigen Aalvorkommens auf diesen Maßnahmen. Inzwischen können wir bei unseren Befischungen auch wieder vermehrt Blankaale nachweisen, die überwiegend aus Besatz stammen dürften. Das gilt besonders für den Bereich von Elbe, Nord-Ostsee-Kanal und Elbe-Lübeck-Kanal. Wer den Aal im Land erhalten will, kommt derzeit an aktiver Bestandsstützung nicht vorbei. Genau darauf zielen auch die europäischen Aal-Managementpläne ab: Mehr Blankaale sollen wieder aus geeigneten Gewässern ins Meer abwandern können. Die EU-Aalverordnung nennt den Besatz geeigneter Binnengewässer ausdrücklich als Instrument.

Finden Besatzaale den richtigen Weg?
Gegen den Aalbesatz wird immer wieder eingewandt, besetzte Fische würden aus Ostsee oder Schlei nicht in Richtung Laichgebiet zurückfinden. Diese pauschale Behauptung ist wissenschaftlich nicht haltbar. Telemetrie- und Markierungsstudien aus Schweden und dem Ostseeraum belegen vielmehr klare Wanderbewegungen von Blankaalen in Richtung der Ostseeausgänge und weiter in Richtung Nordatlantik. Besonders wichtig ist dabei: Besetzte und natürlich rekrutierte Aale zeigten keine Unterschiede in Route, Schwimmgeschwindigkeit oder vertikalem Wanderverhalten (Westerberg et al., 2014).
Richtig ist aber auch: Über die ozeanische Fernwanderung des Aals wissen wir bis heute noch erstaunlich wenig (z. B. Righton et al., 2016). Selbst grundlegende Fragen zum genauen Laichgebiet sind wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Die Forschung zeigt zwar eindeutige Wanderbewegungen, viele Details bleiben aber offen. Selbst alternative Hypothesen zur Lage des Laichgebiets in der Sargassosee werden diskutiert. Chang et al. (2020) halten es für vorstellbar, dass die Reproduktion der Europäischen Aale im Bereich des Mittelatlantischen Rückens stattfindet.

Es gibt also weiterhin erhebliche Wissenslücken zum Wanderverhalten des Aals – vor allem im Atlantik. Aus den vorliegenden Untersuchungen lässt sich aber ableiten, dass es kein grundsätzlich abweichendes Wanderverhalten von besetzten Fischen gibt. Belegt ist vielmehr, dass Besatzaale abwandern, auch aus der Ostsee, und dabei die vermutlich richtige großräumige Richtung einschlagen. Es gehört aber zur Wahrheit, dass wir auch nicht wissen, ob und wie Aale aus den französischen oder spanischen Gewässern in die Laichgebiete gelangen und welchen Beitrag sie zum Bestandserhalt leisten. Und genau deshalb ist es so schwer abzuschätzen, ob der Fang von Glasaalen zu Besatzzwecken bei der Gesamtbetrachtung negative oder positive Auswirkungen hat. Nach dem heutigen Wissensstand gibt es kein eindeutiges „richtig oder falsch“. Die Situation ist kompliziert. Sollte die Forschung neue Ergebnisse hierzu liefern, sind wir jederzeit bereit, unser Aalmanagement dem jeweiligen Erkenntnisstand anzupassen. Denn natürlich haben auch wir ein immenses Interesse am Erhalt dieser Art und sind bereit, alles Notwendige dafür zu tun.
Darf man Aal noch essen?
Ein zweites häufiges Argument der Kritiker von Aalbesatz und Aalnutzung lautet, Aale dürften wegen ihres Gefährdungsstatus grundsätzlich nicht mehr gefangen und gegessen werden. Auch hier muss man genau unterscheiden. Ja: Der Europäische Aal ist in einer kritischen Bestandssituation. Genau deshalb gibt es Schutzmaßnahmen, Aalmanagementpläne, Fangbeschränkungen und Besatzprogramme. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass jede Nutzung widersinnig oder naturschutzfachlich falsch wäre. Dass der Aal unmittelbar vor dem Aussterben steht, ist angesichts von einer Milliarde an den europäischen Küsten ankommender Glasaalen (ICES, 2024) nicht korrekt. Die europäische Aalpolitik setzt gerade nicht nur auf Verbote, sondern auf ein Bündel von Maßnahmen: bessere Durchgängigkeit, weniger anthropogene Mortalität, angepasste Fischerei und Besatz geeigneter Gewässer, um die Abwanderung laichreifer Aale zu erhöhen.

Gelegentlich wird behauptet, Aal solle auch deshalb nicht mehr gegessen werden, weil er belastet und damit gesundheitsschädlich sei. Auch dieses Thema muss differenziert betrachtet werden. Es ist unbestritten, dass besonders fettreiche Fische aus belasteten Binnengewässern – darunter ausdrücklich auch Aale – mit Dioxinen und PCB belastet sein können. Das Bundesinstitut für Risikobewertung weist seit Jahren darauf hin, dass solche Belastungen bei wildlebenden Flussfischen erheblich sein können und Verzehrempfehlungen deshalb gewässerspezifisch gedacht werden müssen (Bundesinstitut für Risikobewertung, 2010). Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass Aale generell nicht gefangen oder gegessen werden dürften. Die Belastung hängt vielmehr stark vom jeweiligen Gewässer und seiner Schadstoffsituation ab. Generell sind Schadstoffe weniger ein Argument gegen den Fischverzehr, sondern viel mehr eines für einen deutlich effizienteren Gewässerschutz.
Wir brauchen den Aal
Hinzu kommt: Würde man auf Besatz in Schleswig-Holstein verzichten, würde der Aal in vielen Gewässern weitgehend verschwinden. Damit ginge nicht nur eine ökologisch bedeutende Art verloren, sondern auch ein wichtiger Teil norddeutscher Fischerei- und Angeltradition. Der Aal ist im Gewässer kein „Luxusfisch“ für kulinarisch orientierte Angler, sondern ein spezialisierter Räuber mit wichtiger ökologischer Funktion. Gleichzeitig gilt: Eine nachhaltige Nutzung ist nur dort verantwortbar, wo die rechtlichen Vorgaben eingehalten werden, die Bestände gestützt werden und die Gewässer als Lebensraum geeignet sind. An diesem Grundsatz orientieren wir uns.

Der diesjährige Glasaalbesatz ist deshalb mehr als nur eine Verteilaktion von Jungfischen. Er ist ein praktischer Beitrag zum Erhalt einer bedrohten Wanderfischart in einem Bundesland, das durch seine Lage zwischen Nord- und Ostsee eine besondere Verantwortung trägt. Schleswig-Holstein bietet dem Aal in vielen Bereichen noch immer vergleichsweise gute Chancen – vor allem dann, wenn Besatz, Monitoring, Fischschutz und Gewässerentwicklung zusammengedacht werden. Unser Ziel bleibt, die Aalbestände im Land zu stützen und dafür zu sorgen, dass künftig wieder möglichst viele Blankaale aus Schleswig-Holstein in Richtung Meer abwandern können.
Der Aalbesatz in Schleswig-Holstein wird wie in den Vorjahren durch EU- und Landesmittel sowie durch Eigenanteile der Fischereitreibenden unterstützt.

Quellen:
BfR. (2010). Belastung von wildlebenden Flussfischen mit Dioxinen und PCB (Aktualisierte Stellungnahme Nr. 027/2010 vom 16. Juni 2010). Bundesinstitut für Risikobewertung.
Chang, Y. L. K., Feunteun, E., Miyazawa, Y., & Tsukamoto, K. (2020). New clues on the Atlantic eels spawning behavior and area: The Mid-Atlantic Ridge hypothesis. Scientific Reports, 10, Article 15981. https://doi.org/10.1038/s41598-020-72916-5
Clavero, M., & Hermoso, V. (2015). Historical data to plan the recovery of the European eel. Journal of Applied Ecology, 52(4), 960–968. https://doi.org/10.1111/1365-2664.12446
ICES. (2024). Joint EIFAAC/ICES/GFCM Working Group on Eels (WGEEL). ICES Scientific Reports, 6(90), 146 pp. https://doi.org/10.17895/ices.pub.27233457
Prigge, E., Marohn, L., & Hanel, R. (2013). Tracking the migratory success of stocked European eels Anguilla anguilla in the Baltic Sea. Journal of Fish Biology, 82(2), 686–699. https://doi.org/10.1111/jfb.12032
Righton, D., Westerberg, H., Feunteun, E., Økland, F., Gargan, P., Amilhat, E., Metcalfe, J., Lobón-Cerviá, J., Sjöberg, N., Simon, J., Acou, A., Vedor, M., Walker, A., Trancart, T., Brämick, U., & Aarestrup, K. (2016). Empirical observations of the spawning migration of European eels: The long and dangerous road to the Sargasso Sea. Science Advances, 2(10), e1501694. https://doi.org/10.1126/sciadv.1501694
Westerberg, H., Sjöberg, N., Lagenfelt, I., Aarestrup, K., & Righton, D. (2014). Behaviour of stocked and naturally recruited European eels during migration. Marine Ecology Progress Series, 496, 145–157. https://doi.org/10.3354/meps10646
