Mehrere Kormorane schwimmen und fliegen über einem windbewegten Küstengewässer. Zwei Vögel befinden sich im Landeanflug, während zahlreiche weitere Kormorane auf der Wasseroberfläche verteilt sind. Die Aufnahme verdeutlicht das Auftreten größerer Kormoranansammlungen an der Ostseeküste.

Eine neue wissenschaftliche Untersuchung aus Dänemark liefert belastbare Daten zum Einfluss des Kormorans auf junge Dorsche und Flundern in der westlichen Ostsee. Die Ergebnisse zeigen: In dem untersuchten Küstengebiet wurde ein sehr großer Teil der markierten Fische von Kormoranen gefressen. Der Fraßdruck war in bestimmten Größenklassen so groß, dass ein Einfluss auf den Wiederaufbau künftiger Laichfischbestände möglich erscheint.

Die Studie wurde von Forschern des dänischen Instituts DTU Aqua durchgeführt und 2026 in der Fachzeitschrift Fisheries Research veröffentlicht. Sie gehört zu den bislang umfangreichsten Untersuchungen, bei denen der Fraßdruck von Kormoranen auf Jungfische in einem offenen Küstengewässer direkt mithilfe elektronischer Markierungen ermittelt wurde.

Mehr als 5.400 Dorsche und Flundern markiert

Die Untersuchungen fanden 2022 und 2024 in einem offenen Küstengebiet der westlichen Ostsee statt. Die Forscher fingen insgesamt:

  • 2.783 Dorsche mit Längen zwischen 11 und 38 Zentimetern,
  • 2.644 Flundern mit Längen zwischen 12 und 30 Zentimetern.

Damit gingen insgesamt 5.427 markierte Fische in die Auswertung ein. Die Tiere wurden mit 14 oder 23 Millimeter langen PIT-Transpondern versehen und anschließend wieder freigelassen. Diese passiven elektronischen Marken enthalten eine individuelle Kennnummer und verbleiben im Fisch.

Wird ein markierter Fisch von einem Kormoran gefressen, kann der Transponder später zusammen mit unverdaulichen Nahrungsresten in einer Kormorankolonie oder an einem Schlafplatz ausgeschieden werden. Die Wissenschaftler suchten die umliegenden Kolonien und Rastplätze deshalb wiederholt mit elektronischen Lesegeräten ab.

Der Beobachtungszeitraum zwischen der Markierung der Fische und dem Verlassen der Kolonien durch die Kormorane betrug – abhängig vom Versuchsjahr – zwischen zwei und sieben Monaten. Zusätzlich führten die Forscher zwei kontrollierte Fütterungsversuche durch. Damit konnten sie abschätzen, wie groß die Wahrscheinlichkeit war, einen tatsächlich aufgenommenen Transponder später auch wiederzufinden.

Mehr als 1.200 Transponder in Kormorankolonie gefunden

Insgesamt wurden 1.237 Transponder beziehungsweise 22,7 Prozent aller eingesetzten Marken in der Brutkolonie nachgewiesen und damit sicher von Kormoranen gefressen. Bereits diese unmittelbaren Wiederfunde waren bei Dorschen mit 25,9 Prozent und bei Flundern mit 19,4 Prozent sehr hoch. Da jedoch nicht jede verschluckte Marke in der Kolonie ausgeschieden und bei den Suchgängen gefunden werden kann, korrigierten die Forscher diese Werte anhand der Ergebnissen aus den Fütterungsversuchen.

Die daraus berechneten Fraßanteile lagen deutlich höher:

  • Dorsch: Abhängig von der Größenklasse wurden über die zwei Jahre Untersuchungszeitraum durchschnittlich 52 bis 88 Prozent der markierten Fische von Kormoranen gefressen.
  • Flunder: Je nach Größe wurden über die zwei Jahre Untersuchungszeitraum durchschnittlich 14 und 84 Prozent der markierten Fische von Kormoranen gefressen.

Damit ging in besonders gefährdeten Größenklassen der weit überwiegende Teil der untersuchten Fische durch Kormoranprädation verloren.

Körpergröße rettet nur die Flunder

Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Größenabhängigkeit. Besonders ausgeprägt war sie bei den Flundern: Kleine Tiere waren einem sehr hohen Fraßrisiko ausgesetzt. Mit zunehmender Körpergröße nahm dieses Risiko deutlich ab.

Ab einer Länge von etwa 22 Zentimetern entsteht für Flundern offenbar eine gewisser Fraßschutz. Aufgrund ihrer breiten und flachen Körperform können größere Flundern von Kormoranen nur noch schwer gehandhabt und geschluckt werden. Bei den untersuchten Dorschen fanden die Wissenschaftler dagegen innerhalb des erfassten Größenspektrums keinen vergleichbaren Effekt.

In den einzelnen Jahren wurden abhängig von der Größenklasse folgende Anteile von Kormoranen gefressen:

Dorsch: 2022 zwischen 57,0 % und 96,0 %, 2024 zwischen 47,0 % und 81,2 %

Flunder: 2022 zwischen 15,7 % und 91,9 %, 2024 zwischen 12,6 % und 77,6 %

Diese massive Prädation wirkt in einer wichtigen Phase des Lebenszyklus: Die Fische haben die ersten besonders verlustreichen Entwicklungsstadien bereits überstanden, sind aber noch nicht groß oder alt genug, um selbst zum Laichbestand beizutragen.

Möglicher Engpass im Lebenszyklus

Die Autoren bewerten den festgestellten Fraßdruck als möglichen Mortalitätsengpass im Lebenszyklus von Dorsch und Flunder. Sind viele Jungfische vorhanden, erreichen aber nur wenige Tiere die größeren Alters- und Längenklassen, kann eine hohe Prädation den Aufbau eines stärkeren Laichbestandes verhindern oder zumindest deutlich verzögern.

Das ist insbesondere beim westlichen Ostseedorsch relevant. Trotz weitreichender Einschränkungen der Berufs- und Freizeitfischerei ist bislang keine deutliche Bestandserholung eingetreten. Die Untersuchung zeigt, dass neben Fischerei, Klimawandel, Sauerstoffmangel, Nahrungsverfügbarkeit und Lebensraumveränderungen auch die Sterblichkeit durch Prädatoren konsequent betrachtet werden muss. Um diesen Einfluss genauer zu untersuchen, wird derzeit die KOMODO-Studie (Abschätzung kormoranbedingter Sterblichkeit beim Westdorsch) durchgeführt – erste Ergebnisse werden hier für 2026 erwartet.

Für uns ist klar: Wer die Entwicklung von Fischbeständen verstehen und wirksame Schutzmaßnahmen festlegen will, darf den Einfluss von Prädatoren nicht ausblenden. Einschränkungen der Fischerei allein können ihre Wirkung verfehlen, wenn ein sehr großer Teil der nachwachsenden Fische vor dem Erreichen der Laichreife gefressen wird.

Ergebnisse nicht pauschal übertragbar

Die Studie dokumentiert einen außergewöhnlich hohen Fraßdruck in einem bestimmten Küstengebiet und in zwei Untersuchungsjahren. Sie beweist nicht, dass in der gesamten westlichen Ostsee oder in jedem Küstengewässer identische Verlustraten auftreten.

Auch die Autoren weisen ausdrücklich darauf hin, dass weitere Untersuchungen und populationsbiologische Modelle erforderlich sind. Erst damit lässt sich bestimmen, welchen Anteil die Kormoranprädation an der Entwicklung ganzer Fischbestände hat. Die Studie benennt den Kormoran daher natürlich nicht als alleinige Ursache für den schlechten Zustand von Dorsch und Flunder. Sie zeigt jedoch sehr deutlich, dass sein Einfluss erheblich sein kann und bisher möglicherweise unterschätzt wurde.

Was bedeuten die Ergebnisse für Schleswig-Holstein?

Das Untersuchungsgebiet liegt in der westlichen Ostsee und damit in einem Meeresraum, der unmittelbar mit den Küstengewässern Schleswig-Holsteins verbunden ist. Dorsche und Flundern nutzen auch unsere Förden, Buchten und flachen Küstenbereiche als Nahrungs- und Aufwuchsgebiete. Gleichzeitig bestehen an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste mehrere Kormorankolonien und regelmäßig genutzte Rastplätze. Insbesondere im Winterhalbjahr, etwa von Oktober bis April, kommen große Mengen von Kormoranen aus dem Norden an unsere Küste und nutzen die Fischbestände.

Eine direkte Übertragung der dänischen Prozentwerte auf Schleswig-Holstein wäre wissenschaftlich nicht zulässig. Eine Untersuchung von Kormoran-Speiballen aus 2021 zeigt jedoch, dass der Dorsch auch hierzulande Hauptnahrung des Kormorans sein kann. Am Dassower See machte der Dorsch je nach Monat einen Anteil zwischen 25,1 % und 96,1 % der geschätzten Fischbiomasse aus. Die Ergebnisse aus Dänemark sind für uns daher eine gewisse Bestätigung und ein wichtiges Warnsignal. Kormoranprädation könnte auch in unseren Küstengewässern dazu beitragen, dass zu wenige Jungfische in größere Größenklassen hineinwachsen und später den Laichbestand verstärken.

Infografik zum Fraßdruck des Kormorans auf Dorsche verschiedener Größenklassen. Ein Kormoran steht auf einem Pfahl über einer stilisierten Wasseroberfläche, darunter sind Dorsche unterschiedlicher Größe dargestellt. Die Grafik veranschaulicht, dass Kormorane vor allem kleinere und mittelgroße Dorsche erbeuten können.
Die KOMODO-Studie untersucht den Fraßdruck des Kormorans auf den Westdorsch der Ostsee im größeren Maßstab. Grafik: IfB / TI

Wir sind daher auf die Ergebnisse des KOMDO-Projektes sehr gespannt – nicht zuletzt, weil dieses Forschungsprojekt aus der Fischereiabgabe Schleswig-Holstein und somit zum Großteil von unseren Anglern finanziert wurde. Wir hoffe, dass, sollten die Ergebnisse es nahelegen, eine stärkere Berücksichtigung der Prädation auf den Dorsch in Bestandsmodellen eingerechnet wird. Letztlich müssen solche Erkenntnisse auch in das Management unserer natürlichen Ressourcen einfließen. Denn: Ein moderner, ökosystembasierter Fischartenschutz muss alle wesentlichen Sterblichkeitsfaktoren erfassen – einschließlich dem Fraßdruck des Kormorans.

Originalveröffentlichung: Niels Jepsen, Mathis Olesen, Jørgen S. Mikkelsen und Markus V. Strange: Cormorant predation on PIT-tagged cod and flounder in an open coastal system. Fisheries Research, Band 300, Artikel 107819, 2026. https://www.sciencedirect.com/