
Nicht nur die Anzahl der Zanderangler am Nord-Ostsee-Kanal liegt auf einem hohen Niveau – auch die Fänge sind beeindruckend. Im vergangenen Jahr haben unsere Kanalangler über 10,5 Tonnen Zander gefangen – und das sind nur die gemeldeten Fänge aus abgegebenen Fangmeldungen! Hinzu kommen 2,5 Tonnen aus der kommerziellen Fischerei – insgesamt also gut 13 Tonnen Zander! Im Vorjahr lag der Fang auf einem ähnlich hohen Niveau.
Das ist eine sehr große Fangmenge, gemessen an der Wasserfläche und dem verfügbaren Lebensraum des Kanals. Berücksichtigt man, dass längst nicht jeder gefangene Zander auch gemeldet wird, ist das Ausmaß noch eindrucksvoller. In Deutschland gibt es nur wenige Großgewässer, die vergleichbare Erträge pro Hektar liefern. Da stellt sich doch die Frage: Warum ist der Nord-Ostsee-Kanal eigentlich ein so gutes Zandergewässer? Um diese Frage zu beantworten, kann man sich einfach anschauen, was der Zander so braucht – oder was anderen Gewässern fehlt.
Trübes Wasser – Zanderwasser
Zander sind echte Spezialisten für schlechte Sichtverhältnisse. Dank ihrer ausgeprägten Sehfähigkeit im Dämmerlicht haben sie im trüben Wasser einen klaren Vorteil. Eine reflektierende Schicht im Inneren ihrer Augen sorgt dafür, dass selbst schwaches Licht optimal genutzt wird. So erkennen sie ihre Beute oft, bevor diese sie überhaupt bemerkt – ein entscheidender Vorteil beim Jagen: Dann kommt der Räuber dicht an Beutetiere heran und saugt sie durch das Aufreißen des Mauls ein – der typische „Tock“ beim Zanderbiss.
Der NOK führt meist trüberes Wasser – bedingt durch Schiffsverkehr, Algenblüte und sonstige Schwebstoffe. Insbesondere im Westen spielen diese Schwebstoffe aus feinem Bodenmaterial, die unter anderem in riesigen Mengen aus der Elbmündung eingetragen werden, eine bedeutende Rolle. Im Ostteil dominiert häufig Ostseewasser – hier ist der Kanal in den letzten Jahren beständig klarer geworden. Doch auch damit kommt der Zander zurecht: Bei klarem Wasser und Sonnenschein zieht er sich einfach in tiefere Zonen zurück und wird erst in der Dämmerung wieder aktiv – dann jagt er entlang der Steinpackungen.
Der Kanal bietet dem Zander also entweder richtig trübes Wasser oder – wo dieses fehlt – tiefe Bereiche mit geringer Lichtdurchdringung. Gute Bedingungen für diese Art.
Futter im Überfluss – ein Paradies für Jungzander
Ein entscheidender Faktor für stabile Zanderbestände ist ausreichend Nahrung – und zwar in allen Altersklassen. Ganz besonders wichtig ist dies jedoch in der ersten Lebensphase. Im ersten Lebensjahr sind Zander auf kontinuierliche Nahrungszufuhr angewiesen. Kein Wunder: Ihr Energie-Grundbedarf ist hoch, zudem müssen sie schnell wachsen. Wenn jetzt die passende kleine Beute fehlt, kann ein großer Teil des Nachwuchses eines Jahres verhungern.
Auch die Zwei- und Dreijährigen benötigen viel Futter. So entsteht ein gewaltiger Fraßdruck auf kleine Beutetiere – oft sogar so ein großer Fraß, dass es zu saisonalen Engpässen kommt. Wenn dies passiert, schwenken die älteren Zander auf ihre jüngeren Artgenossen um und Kannibalismus tritt verstärkt auf. In vielen Seen und Flüssen kommt dies recht regelmäßig vor – in der Folge fallen ganze Nachwuchsjahrgänge aus, manchmal auch zwei, drei Jahre in Folge, bis die Lücke im Bestand ein Wiedererstarken der Beute ermöglicht. Diese Bestandslücke setzt sich in den Altersklassen im Laufe der Zeit natürlich fort. Schwankende Zanderbestände und -Fänge sind die logische Folge – und recht typisch für viele Zandergewässer.

Im Nord-Ostsee-Kanal schwankt der Bestand ebenfalls – jedoch auf einem hohen Niveau. Ein Grund dafür ist die große Nahrungsverfügbarkeit, insbesondere für junge Zander. Durch den Salzwassereinfluss kommen einige Garnelenarten in großen Populationen im Kanal vor. Wer beim Angeln die Augen offen hält und an der Steinpackung ins Wasser schaut, wird die Myriaden von kleinen Garnelen schon gesehen haben. In der Dunkelheit kommen auch die größeren Arten wie die Ostseegarnele hervor. Die Ernährung der Jungzander ist somit etwas breiter aufgestellt unabhängiger vom ausreichenden Aufkommen an Klein- und Jungfischen – in anderen Gewässern oft ein Knackpunkt.
Ebenfalls positiv für den Zander wirkte sich das Auftreten der Schwarzmundgrundel aus. Mitte der 2000er Jahre konnte sie im Kanal nachgewiesen werden, nahm dann im Bestand deutlich zu. Ab 2008 stiegen auch die Zanderfänge der Angler merklich an – vermutlich kein Zufall. Grundeln leben bodennah, sind nicht sehr schwimmstark und bleiben eher klein – sie stellen eine optimale Beute für den Zander dar. Kein Wunder also, dass das Auftauchen der Schwarzmundgrundel dem Zander gefiel. Als der Zanderbestand in den 1990ern zuletzt auf einem sehr hohen Niveau war, ging dies übrigens einher mit dem massenhaften Vorkommen von Sand- und Strandgrundeln.
Hering: Kraftfutter für Kanalzander
Größere Zander sind auf größere Beute angewiesen – der zum Laichen in den Kanal kommende Hering als sehr fetter, somit energiereicher Fisch spielt hier eine wichtige Rolle. Doch auch sein Nachwuchs ist eine optimale Zanderbeute. Da der Hering früh im Jahr laicht, steht sein Nachwuchs den heranwachsenden Zandern zur richtigen Zeit zur Verfügung. Im Laufe des Jahres wachsen junge Heringe quasi in das Beuteschema der meisten kleinen und mittleren Zander im NOK hinein. Der Hering ist also ein extrem wichtiger Beutefisch. Dies lässt sich in der Betrachtung der Zanderfänge gut ablesen: Der sehr positive Verlauf der Heringsfänge in den 90er Jahren führte mit zwei, drei Jahren Verzögerung zu einem Boom der Zanderfänge – bevor sie Anfang der 2000er Jahre deutlich abnahmen, fast zeitgleich mit dem Einbruch des Heringsfangs.
Wir hoffen, dass der Heringsbestand im Kanal stabil bleibt – die Tendenz ist nicht ganz klar. Zwar nehmen die Fänge der Angler ab, doch die Kanalfischerei meldet nach wie vor stabile Erträge, gemessen am Aufwand. Allerdings werden die Heringe vom Fischer mittlerweile viel eher im Jahr gefangen. Waren früher März und vor allem April die Heringsmonate, begann die Heringsfischerei in 2024/2025 schon im Januar – nur die Angler haben auf den frühen Saisonstart noch nicht reagiert, so scheint es.
Natürlich gibt es weitere Lebensraumansprüche, die für den Zander wichtig sind und am NOK positiv wirken. So sorgt der Schiffsverkehr für eine ständige Durchmischung des Wasserkörpers. Dadurch bleiben die Wassertemperarturen lange moderat und das Tiefenwasser hat ganzjährig eine gute Sauerstoffversorgung. In den meisten großen Seen bei uns ist das leider nicht so. Ebenfalls bedingt durch den Schiffsverkehr sowie die große Tiefe des Kanals können Kormorane nicht so effektiv jagen wie an anderen Gewässern. Zander fallen aufgrund ihrer schlanken Körperform und als nicht besonders schwimmstarke Fische andernorts dem Kormoran recht leicht zum Opfer.

Monitoring und Vorsorge: Verantwortung für den Bestand
Doch auch in einem optimalen Zandergewässer ist die Produktion begrenzt – die Anzahl der Fische ist endlich. Bei so hohen Fangzahlen wie zuletzt ist es wichtig, Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und auf eine nachhaltige Nutzung zu achten. Dabei sind wir auf die Mithilfe unserer Angler angewiesen: Nur wenn Fänge gewissenhaft dokumentiert und gemeldet werden, lassen sich belastbare Trends erkennen und geeignete Maßnahmen ableiten.
Deshalb unser Aufruf an alle Angler: Meldet eure entnommenen Fische regelmäßig und vollständig! So helft Ihr uns, die Bestände zu schützen. Denn nur mit belastbaren Fangmeldungen können wir die Fischbestände vernünftig einschätzen und Maßnahmen ergreifen, um negativen Entwicklungen vorzubeugen.

Aktuell gibt es keine Anzeichen für einen Rückgang: Die zahlreichen Fänge vieler untermaßiger Fische zeigen, dass es nach wie vor eine stabile Reproduktion gibt. Das milde Frühjahr dürfte dafür sorgen, dass die Zander zuverlässig vor dem Ende der Schonzeit fertig mit dem Laichgeschäft sind – und dass auch die Beute für die Jungfische schon gut entwickelt ist. Dennoch wollen wir angesichts der großen Entnahme die Bestandsentwicklung noch intensiver und engmaschiger beobachten. Um den Reproduktionserfolg und das Wachstum der jungen Jahrgänge abschätzen zu können, werden wir dieses Jahr wieder ein umfassendes Schleppnetzmonitoring durchführen.
Als Vorsichtsmaßnahme zum Schutz des Bestandes käme ein Kunstköderverbot während der Schonzeit in Frage, so wie es bereits von einigen Anglern und Vereinen gefordert wird. Auf diese Weise ließe sich der ungewollte Fang von Elterntieren deutlich reduzieren. Besonders die nestbewachenden Männchen leisten einen entscheidenden Beitrag zum Reproduktionserfolg – und sind kurz vor dem Ende der Schonzeit besonders leicht zu fangen.
